Wie wir Natur schützen, Verantwortung ernst nehmen und miteinander im Gespräch bleiben
Die Diskussion um den jüngsten Heckenschnitt in Baunatal zeigt, wie sensibel das Thema Stadtgrün ist – und wie wichtig es ist, genau hinzuschauen. Denn Grünpflege ist kein rein technischer Vorgang. Sie berührt Fragen von Artenschutz, Klimaanpassung, Lebensqualität und dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur.
Zunächst ist festzuhalten: Gehölzpflege gehört zur kommunalen Verantwortung. Hecken und Sträucher müssen gepflegt werden, damit sie gesund bleiben, sich verjüngen und langfristig ihre Funktionen erfüllen können. Das sogenannte „Auf-den-Stock-Setzen“ ist dabei eine anerkannte gärtnerische Methode, um überalterte Gehölze zu regenerieren. Dass Sträucher nach einem solchen Schnitt wieder austreiben, ist fachlich korrekt.
Aber: Fachgerecht im engeren gärtnerischen Sinn ist nicht automatisch nachhaltig im ökologischen Sinn.
Reaktionen aus dem Rathaus
Auf unseren Beitrag zum Heckenschnitt an der Bahnstrecke hat sich der für den Bauhof zuständige Dezernent mit einem eigenen Beitrag zu Wort gemeldet. Deshalb möchten wir gerne klarstellen, dass wir in unserem ursprünglichen Beitrag kein Wort zum Baunataler Bauhof verloren haben, sondern Zustände sowie die Reaktion darauf beschrieben haben.
Die vorliegende Diskussion und die teils lächerlichmachenden Kommentare unter den Posts möchten wir nutzen, um den Unterschied zu verdeutlichen, den Grüne Politik (im Kleinen wie einem Heckenschnitt) machen kann.
Natur hat einen Eigenwert
Grüne Politik geht von einem einfachen Grundsatz aus: Natur ist nicht nur Mittel zum Zweck. Jeder Baum, jede Hecke und jedes Gebüsch hat einen eigenen Wert – als Lebensraum, als Klimaregulator und als Teil unseres gemeinsamen Lebensumfeldes. Stadtgrün ist keine bloße „Infrastruktur“ oder Zierde an Wegesrändern, sondern ein lebendiges System.
Hecken und Gehölze:
- bieten Brut-, Rückzugs- und Nahrungsräume für Vögel, Insekten und Kleinsäuger,
- kühlen ihre Umgebung durch Schatten und Verdunstung,
- binden Feuchtigkeit und schützen den Boden vor Austrocknung,
- dämpfen Lärm und verbessern das Stadtklima
- strukturieren Sichtachsen.
Wenn große Abschnitte gleichzeitig stark zurückgeschnitten werden, gehen diese Funktionen für Jahre verloren – selbst dann, wenn der Schnitt formal zulässig ist.
Rechtlicher Rahmen: erlaubt heißt nicht beliebig
Das Bundesnaturschutzgesetz (§ 39 und § 44 BNatSchG) setzt klare Grenzen: Zwischen dem 1. März und dem 30. September sind radikale Schnitte verboten, um Brut- und Lebensstätten zu schützen. Auch außerhalb dieses Zeitraums gilt: Lebensstätten wildlebender Tiere dürfen nicht zerstört werden, insbesondere bei besonders geschützten Arten wie Fledermäusen oder europäischen Vogelarten.
Naturschutzverbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und der Naturschutzbund Deutschland weisen seit Jahren darauf hin, dass selbst zulässige Pflegemaßnahmen so gestaltet werden müssen, dass sie Artenvielfalt und Habitatkontinuität erhalten.
Die Grünpflegesatzung für Baunatal sieht z.Th. „auf Stock setzen“ (Gartenbau) oder Stockhieb (Forstwirtschft) – beides bodennahes Abnehmen von Gehölz - vor:
- Gehölzbestandene Gewässerrandstreifen im 15-20jährigen Turnus abschnittsweise auf den Stock setzen (S. 13)
- Feldholzinseln und Hecken sind turnusmäßig alle 15-20 Jahre abschnittsweise auf den Stock zu setzen, um sie zu verjüngen und zu erhalten. Hecken können bis auf 50 cm Höhe und in Abschnitten bis zu 20 m Länge zurückgeschnitten werden. Die Abschnitte ohne Rückschnitt müssen doppelt so lang sein. (S. 14)
- An der Bauna: auf den Stock setzen, insbesondere bei überalterten Weiden, artgerechter Gehölzrückschnitt (S.21), Leiselpark ähnlich
- Die zentrale Maßnahme der Pflege von gehölzbestandenen Gewässerrandstreifen ist der so genannte Stockhieb. Hierdurch wird ein mehrstufiger Gehölzbestand mit unterschiedlicher Baumartenzusammensetzung und Altersstruktur entwickelt. Bei der Durchführung des Stockhiebs ist folgendes zu beachten:
- die Gehölze sind abschnittsweise und pflanzenspezifisch auf den Stock zu setzen
- die Schnitthöhe liegt zwischen 10 und 20 cm; die Schnittfläche soll abgeschrägt sein und der Stock sollte Licht erhalten
- sobald sich junge Stockausschläge gebildet haben, sind diese bis auf 2-3 Triebe zu entfernen; das Schnittgut ist abzuräumen
- die Länge der Pflegeabschnitte sollte 10 bis 20 m nicht überschreiten, max. darf nur 50%
- der Gesamtlänge des Gehölzes abschnittsweise herunter geschnitten werden, um die Lebensraumfunktion zu erhalten. (S. 33)
- zu Lärmschutzwällen: (artgerechter Rückschnitt, abschnittsweiser Stockhieb zur Regeneration und Verjüngung überalterter Gehölze). (S. 33)
- Feldholzinseln: Feldholzinseln und Hecken sind turnusmäßig alle 15-20 Jahre abschnittsweise auf den Stock zu setzen, um sie zu verjüngen und zu erhalten. Hecken können bis auf 50 cm Höhe und in Abschnitten bis zu 20 m Länge zurückgeschnitten werden. Die Abschnitte ohne Rückschnitt müssen doppelt so lang sein, um weiterhin Brut- und Nahrungsangebote für die Tierwelt anzubieten. (S. 41)
Die Zitate beschreiben ganz unterschiedliche Arten von Gehölzen, gemein ist aber allen Beschreibungen, dass das auf Stock setzen alle 15-20 Jahre, abschnittsweise (Teile ohne Rückschnitt sollen länger sein) sowie artgerecht erfolgen soll. Sehr gerne können Sie beim nächsten Spaziergang überprüfen, ob diese drei Kriterien eingehalten werden.
Der Unterschied liegt im Wie
Grüne Politik stellt deshalb nicht die Pflege an sich infrage, sondern die Art ihrer Umsetzung. Der entscheidende Unterschied liegt zwischen einem flächigen, gleichzeitigen Rückschnitt und einer selektiven, abschnittsweisen Pflege, so wie es die Grünpflegesatzung bereits vorsieht.
Fachlich empfohlene Leitlinien sehen vor:
- Hecken nur abschnittsweise auf den Stock zu setzen,
- maximal 20–30 % eines Bestands pro Jahr zu bearbeiten,
- Pflegeabschnitte kurz zu halten (meist 10–20, maximal 50 Meter),
- markante Sträucher und Bäume als sogenannte „Überhälter“ stehen zu lassen,
- unterschiedliche Alters- und Höhenstufen zu erhalten.
So bleibt der Lebensraum funktionsfähig: Tiere können ausweichen, Mikroklima und Beschattung bleiben erhalten, Blüh- und Fruchtphasen brechen nicht über Jahre ab.
Klimaresilienz beginnt im Kleinen
Gerade in Zeiten zunehmender Hitze und Trockenheit wird deutlich, wie wichtig intakte Gehölzstrukturen sind. Ein geschlossener Strauch- und Baumbestand wirkt wie eine natürliche Klimaanlage. Wird er großflächig entfernt, heizt sich der Boden auf, Feuchtigkeit geht verloren und der Kühlungseffekt fällt für Jahre weg.
Selektive Pflege statt flächiges auf Stock schneiden stärkt dagegen:
- die Wasserhaltefähigkeit des Bodens,
- die Widerstandskraft gegen Hitze und Trockenstress,
- die langfristige Stabilität des Bestands – und reduziert oft sogar Folgekosten durch übermäßigen Wiederaustrieb.
Verantwortung heißt auch Dialog
Uns ist wichtig zu betonen: Die Mitarbeitenden des Bauhofs leisten eine wichtige Arbeit und verfügen über viel Fachwissen. Kritik an konkreten Maßnahmen ist keine pauschale Abwertung dieser Arbeit. Sie ist Ausdruck des berechtigten Wunsches vieler Menschen nach einem sorgsamen Umgang mit unserer Umwelt.
Grüne Politik setzt hier auf Weiterentwicklung statt Schuldzuweisung:
- Pflegepraxi regelmäßig überprüfen und an neue ökologische Erkenntnisse anpassen,
- Artenschutz, Klima- und Hitzeschutz systematisch mitdenken,
- Transparenz schaffen und Maßnahmen gut erklären,
- Mitarbeitende schulen,
- Hinweise aus der Bürgerschaft ernst nehmen.
Unser Anspruch
Nachhaltige Grünpflege bedeutet für uns: nicht nur vermeintlich „korrekt“ schneiden, sondern klug abwägen. Technik, Recht und Ökologie gehören zusammen gedacht. Erst dann wird aus Schnitt wirklich nachhaltige Pflege.
Natur hat einen Wert an sich, wie gesagt jeder Baum und jeder Busch. Ökologisch erfolgreiche Politik misst sich nicht nur in technikbezogenen Lösungen - nicht alles muss sich einer wirtschaftlichen Verwertungslogik unterwerfen.
Wenn diese Haltung von Dritten lächerlich gemacht wird – gönnen Sie sich.😊
Links zu weiterführenden Informationen:
https://rotenburg.bund.net/fileadmin/rotenburg/Landnatur/koen_hecken_pflegen.pdf
http://heckenschutz.de/
https://niedersachsen.nabu.de/tiere-und-pflanzen/pflanzen/hecken/04719.html
zu selektiver Heckenpflege: https://naturschutz.ch/hintergrund/mit-richtiger-heckenpflege-zu-mehr-biodiversitaet/170763